Von romantischen Paarvideos über Beziehungstipps bis hin zu „Relationship Goals“: Soziale Medien vermitteln Jugendlichen und jungen Menschen täglich Bilder davon, wie Beziehungen aussehen sollten. Da Instagram, TikTok und ähnliche Plattformen von einem Großteil der Jugendlichen genutzt werden, haben diese einen beachtlichen Einfluss auf deren Einstellungen, Entscheidungen und Verhalten. Doch wie beeinflussen Inhalte online tatsächlich die Erwartungen und Vorstellungen von romantischen Beziehungen bei Jugendlichen?
Jugendliche werden als hochsensibel bezüglich des Einflusses sozialer Medien betrachtet. Während Kinder noch mehr von ihren Eltern behütet werden und Erwachsene im besten Fall kritische Entscheidungen eigenständig fällen können, sind Jugendliche, unter anderem aufgrund neuronaler Veränderungen, sehr empfindlich gegenüber den Meinungen Gleichaltriger. In dieser Zeit spielt besonders das Gefühl von sozialer Zugehörigkeit eine große Rolle, das heute immer stärker durch soziale Medien erfüllt wird.
Wenn es darum geht, wie junge Menschen auf Social Media beeinflusst werden, lohnt es sich, das psychologische Prinzip des stellvertretenden Lernens heranzuziehen. Menschen lernen gemäß der sozial-kognitiven Lerntheorie nach Bandura, indem wir uns andere Menschen als Modelle hernehmen und deren Verhalten beobachten und imitieren. Wenn das Verhalten einer beobachteten Person belohnt wird, bewirkt das eine stellvertretende Verstärkung bei der beobachtenden Person.
Bandura erkannte schon in den 80ern, dass das Verhaltensmodell keine physisch greifbare Person sein muss. Sogenannte symbolische Modelle können Bandura zufolge durch Massenmedien aller Art Vorbilder zeigen. Während es damals noch primär ums Fernsehen ging, rücken heute die sozialen Medien in den Mittelpunkt.
So sehen Jugendliche zum Beispiel einen Influencer, der in den sozialen Medien sein Leben oder seine Meinung teilt und dafür unzählige Likes und zustimmende Kommentare erhält. Der Influencer fungiert als Modell, sein Content als beobachtetes Verhalten und die Likes als Verstärkung, also als Anreiz, dieses Verhalten auch selbst zu zeigen. Je mehr ein Influencer oder eine Influencerin also als erfolgreich und beliebt wahrgenommen wird, desto eher wird eine zuschauende Person versuchen, Teile dieses Verhaltens zu imitieren, vorausgesetzt, die zuschauende Person nimmt an, dass sie dazu fähig ist.
Auf Instagram, TikTok und Co. werden vor allem Beziehungen präsentiert, die viel Aufmerksamkeit erhalten: die glücklichsten Momente, aufwändige Geschenke, romantische Urlaube. Zwischenmenschliche Beziehungen gehen jedoch viel tiefer als das und umfassen Konflikte, Unsicherheiten und Herausforderungen im Alltag. Davon sieht man im Internet jedoch wenig. Nach der sozialen Lerntheorie werden zwar diese durchaus positiven Aspekte von Beziehungen aufgenommen und eventuell auch imitiert, die komplexeren Anteile von Beziehungen aber vernachlässigt.
Durch dieses unvollständige Abbild von romantischen Beziehungen kann der Eindruck bei jungen Menschen entstehen, ihre Partnerschaften müssten genauso aufregend aussehen. Es wird vorrangig Wert auf eindrucksvolle, jedoch nur oberflächliche Ausschnitte gesetzt, wie etwa teure Geschenke. Wenn es dann aber mehr um das alltägliche Zusammenspiel in Partnerschaften geht, fehlt Wissen, wie man mit Konfliktsituationen umgeht oder Meinungsverschiedenheiten anspricht.
Trotz dieses negativen Ausblicks muss dringend erwähnt werden, dass sich viele Jugendliche bewusst darüber sind, dass die meisten Darstellungen auf sozialen Medien geschönt und vereinfacht dargestellt werden, so wie es im Fernsehen auch der Fall ist. Den großen Unterschied macht jedoch die vermeintliche Authentizität von Influencern aus, die mit Handykamera-gefilmten Videos gerne auch mal den Eindruck verleihen, dass alles, was sie gerade machen, unvorbereitet und echt ist.
Social Media hat sich schwunghaft in eine zentrale Position unserer Gesellschaft katapultiert und geht nicht mehr so schnell weg. Egal was wir davon halten, viele Jugendliche werden sich Creatorinnen und Creator zum Vorbild nehmen und auch Vorstellungen über Beziehungen, wie sie in sozialen Medien dargestellt werden, verinnerlichen. Dabei gibt es alles Mögliche von sehr lehrreichen bis zu toxischen Vorbildern.
Der einzige Weg ohne Einschränkung der Nutzung sozialer Medien scheint also: Jugendliche müssen ihre Wertvorstellungen über Beziehungen außerhalb des Internets aufbauen und lernen, Medieninhalte kritisch und differenziert zu betrachten. Nur so können sie lernen, idealisierte Darstellungen von Beziehungen zu hinterfragen und zwischen inszenierten Online-Inhalten und realen Partnerschaften zu unterscheiden.
– Nikolas Böhnel, 28. Oktober 2026